Klangmomente

 
 

Ein Tipp von Goethe

Man sollte alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen. Johann Wolfgang von Goethe

1 Kommentar 29.8.16 14:48, kommentieren

Einunddreißigster Moment: Die Farben der Musik oder der Ton der Farbe

Es ist paradox: Maler reden von Farbtönen und Musiker von Klangfarben. Demnach existiert nicht nur eine Harmonie der Töne, sondern auch eine Harmonie der Farben. So wie es Notenskalen gibt, spricht man auch von Farbskalen. Besteht womöglich ein direkter Zusammenhang zwischen Farbe und Ton? Rein naturwissenschaftlich betrachtet eher nicht, denn die Empfindung der Farbe basiert auf Licht, auf elektromagnetischen Wellen; hingegen Töne aus mechanischen Schwingungen entstehen. Es finden sich noch mehr Unterschiede: beispielsweise das Transponieren von Musikstücken in andere Tonarten – ein Stück verliert seine bestimmte Melodie nicht, egal ob es in C-Dur ist und nach D-Dur transponiert wird. Würde man diese Frequenzverschiebung in den Farbbereich, also beispielsweise auf ein Gemälde, übertragen, so kämen letzten Endes ganz andere Farben heraus, die nichts mehr mit dem Ursprungsgemälde zu tun hätten. Demnach muss diese Harmonie oder Zusammenhang zwischen Tönen und Farben wohl ein Phänomen der menschlichen Wahrnehmung sein. Und diese findet Gemeinsamkeiten, selbst wenn diese rein naturwissenschaftlich nicht belegbar sind. Aber mal ganz ehrlich - warum müssen sie das auch sein? Es geht um Empfindungen, die man wissenschaftlich sowieso nicht einordnen kann. Und nicht mit wissenschaftlichen Denkmustern kategorisieren kann. Der Mensch findet seine eigene Analogie: Traurige und tiefsinnige Musik assoziieren wir mit dunklen Farbtönen, da die ausgelösten Empfindungen ähnlich sind. Genauso verhält es sich bei schrillen Farbkombinationen: Man empfindet es als eine Art Dissonanz, so wie das auch in der Musik bei dissonanten (schrägen!) Akkorden vorkommt. Das emotionale Erleben der Musik wird durch visuelle Reaktionen verstärkt. Louis-Bertrand Castel erfand 1725 das sogenannte Farbenklavier, bei dem jeden Ton eine Farbe zugeordnet ist.Als künstlerisches Mittel kommt der Verbindung von Farbe und Musik eine große Bedeutung zu. So verfolgten Komponisten das Ziel, wahrgenommene Bilder und Farben in Töne umzusetzen, hingegen Maler bestrebt waren, Musik in Bildern zu visualisieren. Und darauf kommt es eigentlich an: das individuelle Erleben und Erkennen und nachvollziehbare Darstellen dieser Querverbindungen ohne wissenschaftliche Erklärungen. Darin liegt der eigentliche Wert der Beziehung von Farbe und Musik.

19.8.16 21:56, kommentieren

Schlager

...Schlager sind Texte, die gesungen werden müssen, weil sie zu dumm sind, um gesprochen zu werden. Gisela Uhlen (Schauspielerin und Schriftstellerin, 1919-2007)

9.8.16 17:27, kommentieren

Dreißigster Moment: Die Suche nach einer „konkreten Musik“ geht weiter oder Erstaunliche Experimente

Nach dieser Erfahrung packte Schaeffer die Experimentierwut. So nahm er zahlreiche Geräusche auf dem Pariser Bahnhof auf, um sie danach im Studio zu bearbeiten bzw. zu verfremden. Das tat er, indem er die Wiedergabegeschwindigkeit und Wiedergaberichtung änderte. Das Resultat seines Bahnhofsbesuchs war die „Eisenbahnstudie“ (Etude aux chemins de fer), die zugleich als erstes Beispiel für die „Musique concrete“ zu betrachten ist. Ein eigensinniges Klangwerk, über das der Leser sich selbst seine Meinung bilden sollte – indem er es hört. Eins ist sicher: Langweilig ist es nicht! Im Mittelpunkt steht auch eher die Idee, nur mit aufgenommenen und auf Tonträgern gespeicherten Klängen zu „komponieren“ beziehungsweise zu hantieren. Das sind die menschliche Stimme, Dampflokgeräusche, Bahnhofslärm – ganz normale Alltagsgeräusche. Ab und zu bediente er sich auch eingespielter Instrumente. Durch Montage, Bandschnitt und Veränderung der Bandgeschwindigkeit verfremdete Schaeffer diese elektronisch. Dem uneingeschränkten Gebrauch von konkreten Klängen standen allerdings technische Beschränkungen gegenüber. Schnitte und Montagen waren noch nicht möglich, so bedurfte es mehrerer Plattenspieler zur Aufführung einer Komposition. So gesehen, könnte man die frühe „musique concrète“ auch als eine Art Vorläufer für das DeeJaying betrachten.Unter dem Einfluss des französischen Schlagzeugers und Komponisten Pierre Henry weitete sich Schaeffers Interesse auch auf nicht technische Klänge wie Laute des menschlichen Körpers oder speziell präparierter Instrumente aus. („Symphonie pour un homme seul“). Schaeffer und Henry entwickelten spezifische Methoden der Klangbearbeitung, die später auch auf Tonbandgeräte übertragen werden konnten. Die Tonbandgeräte ermöglichten eine präzisere Bearbeitung einzelner Passagen als die Phonographen. Somit konnten Prinzipien von Wiederholung und Variation der vorgefundenen Objekte stetig verfeinert werden. Durch seine Experimente wollte Schaeffer zeigen, wie wichtig er es fand, sich am direkten Hören zu orientieren. Denn Musik wird zum Hören gemacht. Schaeffers Ansinnen war es, die Klänge in ihrer Ursprungsgestalt anzunehmen und sich ihrer Substanzen zu bedienen; die Ohren für die Klänge des realen Lebens zu öffnen und die Klänge als kompositorisches Material ernst zu nehmen. Seine Arbeit wurde mehr und mehr publik. Und schaffte die Grundlage für viele weitere experimentelle Klangstudien, deren Methoden wir auch in den Studios der Popmusik widerfinden.

1.8.16 16:49, kommentieren