KlangFarbmomente

 
 

Elfter Moment – Der verschwundene Rhythmus oder Das Leben ist reine Improvisation

Edith wollte wieder Klavier spielen, aber anders als früher. Sich ans Klavier setzen und improvisieren - losgelöst von den Noten! Jazz! Mit dem Rhythmus wippen, dazu Töne anschlagen, die zusammenpassen und dabei schön klingen. Ganz spontan. Und im Rhythmus. Ja, der war überall und hatte sie schon öfters vor Probleme gestellt. Das wollte sie jetzt angehen. Ohne ihre geliebten Noten, durch deren bloße Anwesenheit sie sich immer sicher fühlte. Und nun reine Improvisation also, Melodien, die dem Moment entsprangen. Es gäbe es auch keine falsche Note mehr, da die Melodien sich ja stetig änderten! So der Plan.

Da es sich schwierig gestaltete, ein derartiges Unterfangen allein in die Tat umzusetzen, nahm sie wieder Klavierunterricht. Nach fast zwanzigjähriger Pause und einem gescheitertem Jazzversuch in der Vergangenheit. Ihr Klavierlehrer sagte ihr: „Jazz ist Rhythmusgefühl“. 'Schön' dachte Edith, 'daran soll es nicht scheitern!' Sie klimperte ihr Liedchen herauf und herunter; allerdings mit den Noten, um sich voll und ganz auf den Rhythmus konzentrieren zu können. Stolz spielte sie ihm ihr Werk vor. „Du kannst gut Noten lesen“ sagte er ihr dazu. „Aber?“ „Es swingt nicht, es groovt nicht. Du spielst keinen Rhythmus. Du musst den Rhythmus fühlen!“ Batz, das saß, Edith arbeitete sich weiter durch die Tasten. „Ich kann ihn nicht hören, diesen Rhythmus!“ jammerte sie. Langsam begann dieses Wort ein unangenehmes Eigenleben zu führen. „Rhythmus“, zwei „h“, ein „y“, das konnte nicht gut gehen und war schon in sich nicht rhythmisch! Und „R´s“ mochte sie sowieso nicht, weil sie das Gefühl hatte, beim Sprechen oft darüber zu stolpern. „Du sollst den Rhythmus fühlen! Sing dazu, spiel, wie du singen würdest!“ erklärte er geduldig. Das machte alles noch viel schlimmer, denn mit ihrer Stimme konnte Edith Räume nur leeren und nicht füllen. Und es gab nichts Schlimmeres als jemanden vorzusingen! Aber sie tat es. Zwar wurde es mit dem Gefühl nicht besser, aber sie sang rhythmisch nicht so verkehrt wie sie spielte. „Du lässt dich nicht darauf ein!“ ermahnte sie der Klavierlehrer. „Spiel ohne Noten, spiel irgendwas, spiel nur im inneren Rhythmus, aber lass´die Noten los. Höre in dich hinein“ beharrte er. Edith dachte nach. Irgendetwas spielen? Ohne Noten? Hineinhören? Innerer Rhythmus? Alles blieb stumm. „Du musst dich damit wohlfühlen, darin entspannen.“ sagte er. Normalerweise wußte er, wie sich seine Schüler fühlten, wenn sie spielten. Er fühlte mit ihnen, mit ihren Stücken. Aber bei Edith konnte er nichts spüren. Das traf sie mitten ins Herz. „Weil du dich nicht darauf einlässt. Dich an den Noten festhälst.“ Sie konnte nicht loslassen. Die Noten waren beherrschbar, steuerbar, der Rest nicht. Die Noten waren eine Art Rettungsanker. Außerdem, wie sollte sie etwas fühlen, wenn es nicht mehr da war? Ihr innerer Rhythmus war weg! „Suche deinen inneren Rhythmus und improvisiere dazu! Das ganze Leben ist eine Abfolge von Improvisation, wir können nicht alles planen, nichts voraussehen. In der Musik ist das auch so, nur, wenn du das einsiehst, wirst du im Rhythmus sein, mit dir, mit der Welt und dem Jazz!“ riet er ihr. Edith musste ihn wiederfinden, den verlorenen Rhythmus...Ein langer Weg lag vor ihr. Da musste sie wohl improvisieren...

4.3.16 16:27

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