KlangFarbmomente

 
 

Fünfzehnter Moment: Fridolins Einzug oder Jedes Klavier hat eine Seele (Teil II)

 

 

Fridolins Seele berührte Edith. Sie konnte ihn hier nicht allein lassen. "Ich muss da noch einmal hin" sagte sie, und ehe der Verkäufer etwas erwidern konnte, nahm sie schnell wieder "ihre" Klavierbank und setzte sich erneut an das Klavier Fridolin. Und nochmal Beethoven. Ja, Fridolin war vielleicht nicht so voluminös im Klang wie seine privilegierten Kameraden, aber er hatte trotzdem etwas vollmundig-schüchternes, etwas ganz besonderes für Edith. Nicht nur bei Beethoven. Auch bei Schumann. Oder den Beatles. Sie musste ihn haben. Es gab gar keine andere Möglichkeit! Der Verkäufer gab es auf, ihr ein anderes "besseres" (also teures) Klavier andrehen zu wollen. "Jedes Klavier sucht sich seinen Besitzer und nicht umgekehrt!" sagte er lächelnd, als er sie wieder vor Fridolin grübeln sah. Das war wohl der erste wahre und ehrliche Satz, den er heute sprach! Damit gewann er einige Sympathiepunkte bei Edith, und sie erklärte entschlossen: "Ich möchte dieses Klavier kaufen! Mit dieser Klavierbank!" "Sie können eine ganz neue, originalverpackte aus dem Lager bekommen." erwiderte er. "Nein, ich möchte diese" beharrte Edith. Er fügte sich verwundert ihrem Wunsch und mühte sich ziemlich ab, das gute Stück mit viel Folie transporttauglich zu gestalten. Dann half er ihr beim Transport in ihr Auto. Mit dem Kaufvertrag auf dem Beifahrersitz und "Fridolins" Klavierbank verließ sie das Werksgelände.

Die nächsten Tage wurden qualvoll, denn es hieß: Warten! Und dies war eine ihrer schwersten Übungen. Die Speditionsfirma sollte sich melden und den Liefertermin vereinbaren. Ganze drei Tage tat sich NICHTS!!! Dann, am Donnerstagmorgen kam der erlösende Anruf. Noch am selben Tag würde Fridolin einziehen! Der für Fridolin reservierte Platz war noch durch den "Roland" - ihr erstes, eigenes elektronisches Instrument - besetzt. Der musste nun weichen. Ein wenig plagte sie schon das schlechte Gewissen, hatte er ihr doch jahrelang treue Dienste geleistet, ihr beigestanden, wenn es um ihr Gemüt nicht so gut aussah und ihr viel Freude bereitet. Letzten Endes war es aber doch eine Maschine, wenn auch eine mit Klavierseele...

Der Platz war geräumt, der Boden geputzt und sie harrte der Ankunft Fridolins. Es verzögerte sich noch ein wenig, aber dann läutete es an der Tür. Sie lief aufgeregt und hüpfend in Strümpfen den überaus freundlichen Spediteuren entgegen, die darauf gelassen reagierten. Wahrscheinlich waren sie kindliche Verhaltensweisen von Erwachsenen schon gewöhnt, wenn diese ihr Klavier in Besitz nahmen. Fridolin wurde, sorgsam in einen wärmenden und schützenden Umhang gehüllt, quasi in ihr Wohnzimmer gerollt. Edith konnte es gar nicht fassen. Sie besaß nun ein Klavier!!! Die ersten Töne entlockte ihm allerdings einer der Spediteure, so dass Edith von den Socken war und dieses ein wenig eigensinnige Bild genoss: Der gelockte Spediteur, der eher an einen Holzfäller als Musiker erinnerte, saß in seiner Arbeitskleidung am Klavier und spielte eine hübsche Melodie.

Schumann war der erste, den Fridolin von Edith ertragen musste. Und er trug es mit Fassung. Edith konnte sich gar nicht an dem Nachhall der Töne satthören, die ihre obligatorischen 12s nachklangen... Eine ganz neue Klangwelt für sie, und diese gehörte ihr! Sie konnte jederzeit darin versinken, wann sie wollte und mit wem sie wollte, ob Schumann, Beethoven oder Duke Ellington...Fridolin schien alles mitzumachen. Das war wohl sein Schicksal und der Beginn einer klangvollen Beziehung...

 

 

22.3.16 16:16

Letzte Einträge: Aus der Seele..., Musik..., Kleine Änderung

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)

Die Datenschuterklärung und die AGB habe ich gelesen, verstanden und akzeptiere sie. (Pflicht Angabe)


 Smileys einfügen